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Nächste Einträge »Jon Christoph Berndt®: Arthur Rimbaud – 140 Jahre Mysterium mit Pull-Effekt par excellence
22. April 2010 um 10:03 von Jon Christoph Berndt
Schön ist es immer, wenn es etwas geheimnisumrankt zugeht. Und wenn hinter dem Geheimnis und den Ranken Geschichten stecken, in die wir uns alle gern hinein träumen. Heute die von Arthur Rimbaud, französischer Schriftsteller von Weltgeltung – “Une Saison en Enfer” (“Eine Zeit in der Hölle“), “Iluminations” – mit 21 Jahren fertig mit der Karriere, keine rechte Lust mehr. Einem Ondit zufolge handelte er dann lieber mit Kaffee, Gewürzen, Gold, Elfenbein, vor allem in Afrika. Über die letzten 16 Lebensjahre des größten Genies der Literatur im 19. Jahrhundert wissen wir so gut wie nichts. Nur zum Beispiel so etwas, dass er wohl homophile Neigungen hatte, die er zu Zeiten des Aufstands in der Pariser Kommune 1871 mit dem Dichter Paul Verlaine auch auslebte. Die beiden experimentierten häufig mit Absinth, und im Rausch schoss Verlaine ihm in die Hand und ging für zwei Jahre ins Gefängnis. Quelles Histoires!
Nun erfahren wir, dass ein bisher unbekanntes Foto von Arthur Rimbaud aufgetaucht ist. Wow! Ein bisher unbekanntes Foto von Arthur Rimbaud! Bob Dylan, Patti Smith, Jim Morrison, Klaus Mann, all die Surrealisten und die ganzen Beat-Poeten werden wieder ganz schön aus dem Häuschen sein (so sie es noch können). Die hat er nämlich alle ungemein beeinflusst. Das Foto zeigt sieben Männer vor dem “Hôtel de l’Univers” in Aden, in dem Rimbaud bei seinen Aufenthalten im Jemen immer abstieg. Und, unstrittig, der Zweite von rechts, auf den Tisch gestützt und mit leicht geöffnetem Mund die Kamera fixierend, ist der, von dem der österreichische Superautor Thomas Bernhard sagt, seine Literatur sei „eine einzige, freilich weltweite, geschichtlich freie, ungebundene, unverfeinerte, im Schmutz und in den zerrissenen Schuhen triumphierende Religion“ gewesen. Dazu ist es noch das, weiß die Berliner Morgenpost, „einzige bekannte Erwachsenenbild, auf den sein Gesicht gut zu erkennen ist“. Welch ein schöner Fund vom Flohmarkt.
Was ist daran nun so sensationell? Also: Von Arthur Rimbaud sind nur eine Handvoll Aufnahmen bekannt, die meisten aus dem Jugendalter und die restlichen in mieser Qualität. Und dass die neu entdeckte wieder Unsummen gebracht haben wird, zeigt der Fall von einem ähnlichen Fund aus dem Jahr 2007, den sich das Musée Rimbaud in Charleville-Mézières für 75.000 Euro gesichert hatte. Nun ging das neue Stück auf dem Salon du Livre Ancien, de l’Estampe et du Dessin im Pariser Grand Palais nach wenigen Minuten an einen französischen Sammler weg. Preis: Psst!
Rimbaud kehrte nur nach Frankreich zurück, um zu sterben. Er wurde 37 Jahre alt und liegt auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Charleville. (Schauen Sie mal ins Museum, falls Sie in die französischen Ardennen kommen.) In seiner kurzen Zeit macht er intuitiv alles richtig: Er schafft wahres, schönes, gutes; macht sich rar, wird vermisst. Das sorgt für einen starken Sog, für den so schwer so schaffenden Pull-Effekt: Bis heute wollen die Fans und die Medien immer mehr als sie von Rimbaud bekommen können. (Dagegen vielfach genau das Gegenteil: Die Stars und Sternchen geben den Fans und den Medien immer mehr als sie hören und drucken können.) Generationen von Literaturwissenschaftlern haben versucht, Licht in die letzten Lebensjahre zu bringen, und die Faszination für den Ausnahmeliteraten ist bis heute nicht abgerissen. Mit seinen wenigen Werken hat Rimbaud es geschafft, ganze Generationen zu beeinflussen. Mit unbedingter Hingabe zum Werk hat sein Leben turbulent begonnen, mit konsequent-radikaler Abkehr von der Lyrik ging es weiter, und so endete es schließlich in den Armen seiner Schwester, „um einen schönen Tod zu sterben“.
Arthur Rimbaud zeichnet sich nicht nur durch seine Genialität, sondern eben auch durch sein Menschsein aus. Höhen und Tiefen, Krieg und Frieden und eine große Liebe profilieren ihn. Dass das aufgetauchte Foto als Sensation gehandelt wird, zeugt von der Sehnsucht der Moderne nach außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Rimbaud schürt diese Sehnsucht mit seinem ungewöhnlichen Talent, seiner Schaffenskraft und nicht zuletzt einer rätselhaften Vita. Eine Human Brand, wie man sie besser nicht erschaffen kann; weder am Flipchart noch mit Online Reputation. (Nur: Die dafür nötigen intuitiven Qualitäten muss eine wahre Persönlichkeit erst einmal ganz von sich allein mitbringen…)
Human Branding Lesson Learned #1: Mach’ Dich rar. Und wenn Du auftauchst, habe bitte etwas im Gepäck, das uns alle wirklich interessiert!
Stay tuned!
Mehr von Jon Christoph Berndt® und Human Branding gibt’s hier:
- Stefan Raab – Wie einer 2 Mio. Euro verliert und der große Gewinner ist
- Helmut, hör auf mit dem Scheiß!
- Weißer Rabe Grigory Perelman
- FDP-”Quartalsspinner” Wolfgang Kubicki
- Prof. Claudia Kemfert und ihre wehrhafte Marke
- Norbert Leitholt und sein “Pornolotl”
- Das Marken-Armageddon
- Jon Christoph Berndt, Partner von myON-ID Media
Jon Christoph Berndt®: Stefan Raab – Wie einer 2 Mio. Euro verliert und der große Gewinner ist
15. April 2010 um 11:15 von Jon Christoph Berndt
Ist das schön, den und das schau’ sogar ich gern! Dabei ist Stefan Raab mein Anti-TV-Held, bisschen zu flachgründig und zu despektierlich in seinen Äußerungen. Das mag ich nicht und hat er gar nicht nötig. Allerdings: Der Typ ist nicht vielleicht ’ne Marke, sondern ganz bestimmt! Das nicht wegen irgendwelcher Unterschichtenautorennen und -wokschlittergeschichten, sondern wegen seiner beharrlichen Konsequenz.
Starker Markenstichtag Stefan Raab: Samstagabend, 10. April 2010:
Da gibt es zum 22. Mal “Schlag den Raab“ auf Pro7, ein wirklich illustres TV-Format und nicht nur Spätbügelfernsehen. Marke Raab tritt gegen den 29-jährigen Unfallchirurgen Hans Martin aus Stolpe an. Schon vor der Sendung hatte der großspurig verkündet: „Sportlich gesehen hat der Stefan keine Chance.”
Hans Martin soll Recht behalten; Großmaul stürzt in der siebten Runde, auf dem Parcoursritt mit dem Mountainbike. Und das ziemlich schwer: „Der große Mann des Unterhaltungsfernsehens“ (na ja, liebe Süddeutsche Zeitung, da wollen wir mal die berühmte Kirche im berühmten Dorf lassen; an meinen Kulenkampff kommt der nicht ran!) steigt über den Lenker ab und bremst, wie es sich der durchschnittliche deutsche Sofasurfer und Salzlettenschweinleeresser live erhofft – mit dem Gesicht (wo bleibt die Kamera, die ist doch sonst immer voll drauf!!!???), echtes Blut, wow! Schon beim Zuschauen brennt es wie Hölle!
Also: Gehirnerschütterung, Kieferhöhlenwand- und Jochbeinbruch, kurzzeitige Amnesie, Schürfwunden und Prellungen; ein exquisites Ergebnis, formidabel für die Quote. Das Groteske: Er gibt Gas! „Die Show muss weitergehen, die Werbekunden haben schließlich gezahlt“, da hat die Süddeutsche so Recht. Jeder andere hätte als letzte Geste die Karte von der Barmer Ersatzkasse gezückt und dann das Licht ausgemacht: Soll Hans Martin doch gewinnen durch K.O., der Sender ist doch gut versichert! Nicht jedoch unsere stahlharte Marke Raab, der „harte Hund“ laut Stern . Dass er zum Schluß beim Gewinnen verliert – geschenkt!
Das lieben wir an der Markenfront, wenn jemand so konsequent ist, dass wir uns jederzeit auf ihn verlassen können. Genau wie bei den Lieblingsprodukten, die wir so gern haben – Coca Cola, BMW, m&m’s –, nur ganz anders. Und das liebt die Werbewirtschaft: Stefan Raabs Marktwert ist am Samstagabend stark gestiegen. Und das lieben die Kollegen an der Online-Reputation-Front: Stefan Raabs Unfall und die elektronische Berichterstattung als wunderbarer Best Case, was die stringente Rufpflege angeht. So sorgt sich Deutschlands Jochbeinexperte Nr. 1 und Human Branding-Trittbrettfahrer Dr. Ahmmed-Ziah Taufig in der Knallpresse „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Raabs Jochbein bei einem Trauma erneut bricht und sich verschiebt.“ O Gott!
Nun müssen wir uns sicher nicht vor Millionenpublikum und live erst auf die Fresse legen und dann munter weiterradeln, um in der Wertschätzung unserer Mitmenschen zu steigen. Vielmehr geht es um die Konsequenz; bei allem was wir tun und allem, was wir lassen. Das ist gut für Marke, Ruf, Begehrlichkeit. Dann lösen wir einen wahren Sog aus und müssen nicht so laut rufen, was wir alles Tolles können und zu bieten haben. Und es geht darum, dass ein profilierter Markenmensch immer wieder aneckt. Ohne Ecken und Kanten kann man im Einheitsbrei nicht mitschwimmen. Auf welche Art auch immer. So laut und grotesk wie Stefan Raab oder ganz anders. Nur passen sollte es.
Denken Sie beim nächsten Zaudern, Wankelmütigsein und Aufgeben an Stefan Raab. Ich tue es auch.
Stay tuned!
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Jon Christoph Berndt®: Helmut, hör auf mit dem Scheiß!
8. April 2010 um 9:08 von Jon Christoph Berndt
Irgendwie, ich weiß ja auch nicht, hat Helmut Kohl doch den großen Pull-Faktor. Der ist wichtig für eine starke Marke: Anziehungskraft! Irgendwie, ich weiß ja auch nicht II, ist er dann auch noch schwer erschütterlich. Das ist wichtig für eine starke Marke: Standhaftigkeit!
Zum 80. Geburtstag meines Jugend- und Studentenkanzlers lese ich die Essays in der Qualitäts-Tagespresse und sehe die Helmut-Kohl-Nacht im öffentlich-rechtlichen Nischenfernsehen. Ich kann nicht anders und denke an andere daueranziehende und dauerschwererschütterliche Marken aus jener Zeit:
Pitralon, Samantha Fox, Brauner Bär, Remington (Sie alle haben diese gewisse Aura in meinen b.a.W. demenzbewahrten inneren Augen.)
Finde ich die Marke HK gut? Im Prinzip durchaus: Nicht nur durch seine politischen Erfolge, sondern auch durch seine markant-mächtige Erscheinung hat er den großen Wiedererkennungswert (die bei uns im Konfi gern angeführte „Recognition“). Besonders die Knallpresse macht den Helden Deutschlands heldiger und deutscher denn je. Allen voran die Bild Zeitung, da gibt es auch die wahrlich erlebenswerte Sonder-Website.
Bei Chefredakteur und Trauzeuge Kai Diekmann hat HK Narrenfreiheit. Sicher auch, weil der Alte genauso polarisiert wie das Blatt; nur ganz anders. Und das ist Grundvoraussetzung für eine starke Marke – Sie darf nicht nur Fans, sie muss auch Feinde haben. (Sonst ist sie weder stark noch schwach, sondern nur „ganz nett“, und das ist der kleine Bruder von Markenkiller „egal“.) In diesem Sinne eine schöne Line von HK auf die Frage der Bild Zeitung, wessen Glückwünsche er nicht vermissen und über welche er sich freuen würde: “Ohne Namen nennen zu wollen: Mit beidem könnte man ein ganzes Telefonbuch der Millionenstadt Berlin füllen.” (Quelle: Süddeutsche Zeitung online)
So ist’s markenrecht und – nun ja, mit dem Namen nennen hat er’s ja auch nicht so, der HK. Siehe hierzu die Qualitäts-Zitierquelle Nr. 1 Wikipedia und den saftigen Dauerbrenner „CDU-Spendenaffäre“.
Was können die markenbildnerisch tätigen Profis an den Fronten von Strategie und Online Reputation bei HK noch ausrichten? Ehrlich gesagt, nichts. HK genießt Bestands- und Kümmerschutz qua Markenalter. Da geht es ihm wie Pitralon, Samantha Fox, Brauner Bär und Remington.
Viel spannender für uns Markenbauarbeiter ist der kleine profilierte Parteibruder des Jubilars, inzwischen so groß, so groß kann der Schatten von HK nicht sein: Wolfgang Schäuble, ein schönes Beispiel dafür, dass konstruktives Abwarten und klar zielgerichtetes Wirken im Stillen dahin führen kann, wo genau er heute ist. Ganz vergessen die Begebenheit, als HK 1997 auf dem Leipziger CDU-Bundesparteitag Schäubles fulminante Rede in die Reportermikros rein krönt: „Ich wünsche mir, dass Wolfgang Schäuble einmal Kanzler wird.“ Darauf WS zu HK, klar profilierend und ganz privat am Telefon: „Helmut, hör auf mit dem Scheiß!“ All das weiß der Stern .
Der Bundesfinanzminister WS hat’s raus. Etabliert sich, ohne es recht zu merken, als profilierte Politikermarke, die durchweg großen Einfluss auf das politische Geschehen hat. Wenn er dann noch zur rechten Zeit – ganz anders und viel schlauer als HK – bemerkt, dass es Zeit ist zu gehen und auf dem WS-Olymp Hut und Sessel nimmt… Dann meinen großen Respekt vor einem, der seinem Dauerdrangsalierer ganz zum Schluss (erst hier wird bekanntlich richtig abgerechnet) gezeigt hat, was eine Markenharke ist.
Stay tuned!
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Jon Christoph Berndt®: Weißer Rabe Grigory Perelman
1. April 2010 um 9:40 von Jon Christoph Berndt
Beim Blättern im Blätterwald fand ich dieser Tage eine ganz besonders schöne Geschichte: Da knackt ein russischer Mathematiker eine harte Nuss, an der sich seine Mathematikerkollegen auf der ganzen Welt hundert Jahre lang die Zähne ausgebissen haben. Und dann – verzichtet er auf Ruhm, Ehre, Preise und eine Million Dollar.
Besser noch: Lieber lebt Grigori Jakowlewitsch Perelman zurückgezogen bei seiner Mutter in einer kleinen Datscha am Rande von Sankt Petersburg und spielt den ganzen Tag Tischtennis gegen sich selbst. Das Schönste: Die Geschichte ist wahr. „Ziemlich verrückt, aber auch ziemlich sympathisch“, sagt die Knallpresse.
Da wird jemand berühmt, weil er nicht berühmt werden will. Und das will er nicht aus Kalkül nicht, sondern weil er halt so ist; in der Wolle gefärbt echt, ohne Lust darauf sich zu verbiegen oder gar verbiegen zu lassen: Ihr könnt mich mal kreuzweise! Behaltet Eure Preise, Euer Geld, Euren Rummel, und lasst mich in Ruhe Tischtennis spielen gegen mich selbst!
2006, vier Jahre nach Perelmans Lösung des Problems um die so genannte Poincaré-Vermutung (ich hatte Mathe Leistung und verstehe nur Bahnhof; mehr dazu jedoch gern hier), sollte ihm auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress in Madrid die Fields-Medaille, sie gilt als Nobel-Preis der Mathematik, verliehen werden. Perelman tauchte aber erst gar nicht auf. Damit stieß er nicht nur die gesamte mathematische Elite, sondern auch den Medaillenverleiher König Juan Carlos, vor den Kopf. Auch wurscht, sagte er sich. Auf die mehrfach ausgesprochene Einladung hatte er nicht mal geantwortet. Dem „New Yorker“ sagte Perelman dazu: „Wenn sich zeigt, dass die Beweisführung stimmt, brauche ich keine weitere Anerkennung. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich die Auszeichnung ablehnen werde. Die Medaille ist für mich völlig unbedeutend.“ (Quelle und mehr dazu: Spiegel)
Nun steckt hinter dieser starken konsequenten Haltung vermutlich nicht nur himmelhoch Jauchzendes, sondern auch ordentlich Betrübtes. Wo Markenlicht ist, ist auch Markenschatten. So liest man davon, dass Poincaré-Löser Perelman schon in grauer Vorzeit an der University of California in Berkeley sowohl durch seine Schlauheit als auch durch seine Ablehnung von Materiellem als „Weißer Rabe“ auffiel. Das ist Russisch und bedeutet so etwas wie „Schwarzes Schaf“ wobei diese Bezeichnung genauso gut wertschätzend positiv wie abschätzig negativ gemeint sein kann.
Was meinen Sie: Ist Perelmans Erscheinung und Wahrnehmung als Weißer Rabe im Sinne der profilierten Human Brand positiv oder negativ? Etwas pointierter als Radio Eriwan’s Standardantwort „Kommt darauf an“ ist zu sagen:
- zur Erscheinung: Nun ja, der Mann sieht aus, als möchte man ihm mal fünf Mark schenken. Doch, wird er sagen, wen schert’s? Ich mach’ mich für mein Tischtennisspiel gegen mich selbst so zurecht, wie es mir beliebt! Recht hat er, der Herr Perelman. Auf die roten Teppiche und die Bühnen des Lebens will er ja nicht drauf. Und seine Mama wird ihn lieb haben wie er ist und aussieht.
- zur Wahrnehmung: irgendwie cool und begehrlich, finde ich. Und nicht so nahbar und damit belanglos wie die Boris Beckers dieser Welt. Da schreibt denn auch Blogger-Kollege Perez Hilton, weltweit ziemlich vernetzt und einflussreich, was A-, B- und C-Promis angeht: “This guy is so AWESOMELY insane!! We LOVE it!!”
Wie auch immer wir alle es sehen: Unstrittig ist, dass Grigory Perelman echt profiliert ist. Wichtiger noch: Er ruht in sich selbst und muss sich nichts beweisen. Das sind die besten Voraussetzungen für eine profilierte Wahrnehmung. Diese im gesellschaftlichen Leben, als Exot, als – wie ich finde, positiv so bezeichneter – Weißer Rabe, den man doch irgendwie ganz anziehend findet. Diese auch im Internet-Leben, wo selbst die Online-Reputation-Profis genau wie wir Leute von der Human-Branding-Front gar nicht mehr viel außer dem ausrichten können, was Herr Perelman schon ganz nebenbei und ungeplant für seine markenstarke Wahrnehmung getan hat.
Er wollte nie eine starke Marke sein. Nun ist er eine. Wahrlich genial.
Stay tuned!
Jon Christoph Berndt: FDP-”Quartalsspinner” Wolfgang Kubicki
25. März 2010 um 11:03 von Jon Christoph Berndt
Super, was da derzeit aus Richtung Kiel in Richtung Berlin, München und Wohin-auch-immer gefeuert wird: Da sitzt Wolfgang Kubicki, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Landtag von Schleswig-Holstein, und merkt, dass aus ihm so richtig nichts mehr werden wird.
Mit das Größte, was ich seit meiner Volljährigkeit gelesen habe, ist das ultimative Zeit-Interview mit dem „Quartalsspinner“ (CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt). Der Mann ist ganz bestimmt ’ne Marke und gefundenes Fressen für meine Tiefenstudien über verzweifelte Restprofilierung strahlungsarmer Hinterbänkler kurz vor Ende der Restlaufzeit. (Henrik M Punkt Broder und Michel Paolo Pinkel Friedman sind da Brüder im Geiste in derselben Marken-Range.) Wow, geht’s da ab in der Zeit:
- Ganz nett: Er würde „zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock“, wäre er doch noch im Berliner Politikbetrieb gefragt.
- Schon ziemlich fett: Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin habe er „ein einziges Mal angebaggert“, bis ein Riesenkerl, offenbar ein Mann, neben ihm gestanden sei: „Da bin ich einfach aufgestanden und habe noch einen schönen Tag gewünscht.“
- Ein richtiges Brett: Nach der anstehenden NRW-Wahl mit ordentlich Prozentpunkten für die FDP werde man auf die CSU einhauen, „bis die Schwarte kracht. Diesen CSU-Generalsekretär (Anm. Alexander Dobrindt) werden wir uns als Erstes vornehmen. Feuer frei von jedem. Ich freue mich schon auf jede Sottise. Und warum nicht auch mal den CSU-Chef Horst Seehofer fragen: Hat Ihre Abneigung gegen die Kopfpauschale auch damit zu tun, dass Ihre Familienplanung etwas aus dem Ruder gelaufen ist?“
Von diesen Marken werden wir regiert, liebe Nichtwählerinnen und Nichtwähler. Das Verrückte: Der Mann ist wirklich eine starke Human Brand, richtig gut: messerscharf profiliert, klare Kante, konsequent bis zum Schluss, der doch irgendwann mal kommen muss. So muss sie sein, was die Thermik und damit die Wahrnehmung angeht, die sie verursacht. Nur bei Maybrit Illner (“Der ist doch froh, seit Jahren wieder eingeladen zu sein”) ist am vergangenen Donnerstag der Fuß vom Gas gerutscht. Das darf nicht passieren, Herr Quartalsspinner: Ein wirklich scharfer Schäferhund bietet niemals seinen Bauch beim Spielen dar!
Was wir von Windhose Kubicki (zieht auf, bläst, zieht wieder ab, und hernach ist’s, als wäre nichts gewesen) tatsächlich – und das ist immer das Wichtigste – Nutzbringendes und Freudvolles haben (Stichwort substanzieller Gesellschaftsbeitrag) weiß ich nicht. Er wohl auch nicht. Ist auch egal. Dafür weiß die Knallpresse was:
Die Bild zur Baggerfahrt mit Frau Koch-Mehrin: „Sehr männlich – und sehr menschlich. Zudem zeigt er Geschmack“
Der Stern zum Zeit-Interview: „Kubicki hat Arsch in der Hose“
Ich sag’s lieber mit Roger Willemsen, legendär im vergangenen Frühsommer über Heidi Klum in der taz: „Da möchte man sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln – wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre.” Wäre das, lieber Herr Willemsen, angesichts von Herrn Kubicki denn auch männerfeindlich?
Liebe Leserin, lieber Leser in NRW: Bitte gehen Sie am 9. Mai zur Wahl. Unterlassen Sie Trinkerei, Hurerei und Baggerei am Vorabend, damit in der Wahlkabine nicht der Bleistift ausrutscht. CSU-Mann Alexander Dobrindt, der sicher schon ganz arg vor der starken Marke Kubicki zittert, wird es Ihnen danken.
Stay tuned!
Jon Christoph Berndt: Prof. Claudia Kemfert und ihre wehrhafte Marke
23. März 2010 um 10:37 von Jon Christoph Berndt
Hut ab! Da sieht man mal, wohin wahre Markenstärke führt: DIW-Klimaexpertin Prof. Claudia Kemfert zwingt die Süddeutsche Zeitung in die Knie.
Die Süddeutsche Zeitung hatte Prof. Kemfert, die ziemlich bekannte Expertin für Energie und Klimapolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vorvergangene Woche so richtig schön vorgeführt, mehrspaltig und mit Vierfarb-Porträtfoto im Wirtschaftsteil: Sie habe sich für einen Artikel ihres Instituts bei Wikipedia bedient und, nachdem alles raus gekommen war, sich dahin gerettet, dass „die wissenschaftliche Basis für meinen Bericht auf einer Recherche eines Mitarbeiters“ beruhe. Das ginge ja nun gar nicht, meinte die Süddeutsche, und wo kämen wir denn hin, wenn nun sogar die Wissenschaft bei Wikipedia klaue… (siehe meinen Blog-Beitrag vom 11. März )
Alles schien klar: Die besenreine Süddeutsche Zeitung hat eine prima investigative Geschichte und in ihrem Autor Felix Berth ein richtiges Enthüllungsjournalistchen, dessen Artikel unter der Überschrift „Axolotls Vorgänger“ für ordentlich Thermik im Blätterwald sorgt. Und Prof. Kemfert hat einfach nur geklaut; der mediale GAU für eine anerkannte, bis dato als überaus seriös geltende Wissenschaftlerin.
Nun aber hat die Süddeutsche Zeitung nach Auskunft von Prof. Kemfert eine Unterlassungserklärung unterzeichnet. Zeichen dafür ist, dass der fragliche Online-Artikel mittlerweile aus dem Netz verschwunden ist. Was ist geschehen? So simpel wie ertstaunlich: Der fragliche Artikel war vom DIW niemals veröffentlich worden. Eine echte Null-News also, die ich mir von meiner Immer-noch-Lieblings-Tageszeitung nicht erwarten würde. Passiert es einmal doch, würde ich mir erwarten:
- Proaktive Richtigstellung bzw. Korrektur
- Entschuldigung bei der Geschmähten
- Verbesserung der Schutzmechanismen auch in schwierigen Zeiten mit dünner Personaldecke, damit die Pressefreiheit wieder als dienende Freiheit gebraucht und so schnell nicht wieder als In-die-Pfanne-hau-Freiheit missbraucht wird.
Prof. Kemfert ist aus Markenperspektive idealtypisch vorgegangen: sachlich, kalkuliert, stringent, offensiv; als Beispiel schlechthin für den professionellen und gleichzeitig effektiven Umgang mit Gegenwind, dem sich prominente Persönlichkeiten nun einmal immer wieder ausgesetzt sehen. Das wissen sie auch, es ist der Preis der Prominenz. Entscheidend ist nicht dieser Gegenwind, sondern Reaktion und Aktion daraufhin. Und den Kemfertschen Umgang damit beschreibt die FAZ sehr schön in ihrem Beitrag „Die Frau fürs richtige Klima“.
Von der Süddeutschen liest man bisher nicht mehr als „Error 404“ wenn man den Link zum fraglichen Online-Artikel anklickt. Und von Prof. Kemfert liest man wieder Inhaltlich-Sachliches und Markenadäquates, auch im Interview im neuen M-Direkt, dem Magazin der Stadtwerke München, unter der Überschrift „Klimaschutz ist der Weg aus der Krise”.
Also: Die Siegerin steht fest. Back to Tagesordnung.
Jon Christoph Berndt: Norbert Leithold und sein „Pornolotl“
18. März 2010 um 9:02 von Jon Christoph Berndt
Man könnte lachen, wenn’s nicht so traurig wär’: Ursprünglich war Norbert Leithold für sein neues Sachbuch „Graf Goertz: Der große Unbekannte“ für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgeschlagen. Wow! Das freut auch den Osburg Verlag, bisher etwas für kleine Bücher kleiner Autoren mit kleiner Auflage.
Dann wird’s kryptisch und ein Fall für die stringente Menschenmarken-führung: Das FAZ-Feuilleton schreibt am vergangenen Freitag unter der Überschrift „Wie viel Vorleben ist erlaubt?“ von „Pornolotl“ und dass die Nominierung nach einigen Nachforschungen des Preiskomitees zurück-genommen wurde: Man stieß auf ein Vorgängerwerk Leitholds mit dem Titel „2040“, in dem von der Islamisierung Deutschlands die Rede ist. Darf man ja auch schreiben als Autor, sofern der Verfassungsschutz nicht aufmuckt. Und der Islam ist ja nicht Graf Goertz. Leithold verwies dann auf den bereits erfolgreich erhaltenen Alfred-Döblin-Preis der Berliner Akademie der Künste – aber davon will diese Akademie so gar nichts wissen. Also rudern die Leipziger, auch aus noch pikanteren Gründen, zurück. Denen wird’s langsam mulmig, die Nominierung ist perdu.
Hintergrund 1: Norbert Leithold hieß mal Norbert Bleisch, und zwar auf dem Cover von „Viertes Deutschland“. Und dafür hatte er 1991 tatsächlich den Alfred-Döblin-Förderpreis erhalten.
Hintergrund 2: Norbert Leithold hieß mal Sebastian Bleisch, und der wirkte seit 1990 in über 60 Pornofilmen mit. Auch Jugendliche sollen dabei gewesen und dafür bezahlt worden sein, und dafür gab’s für Norbertsebastian Leitholdbleisch das Essen durch die Klappe.
Also was jetzt: Der gepflegte Boulevard und die intellektuelle Knallpresse lieben doch so etwas! Aber dann muss
- ordentlich recherchiert werden von den Buchmesse-Preisverteilern; die haben die ganzen Namen und Themen und Preise durcheinander gebracht und Recherchemühen gescheut (das machen ja gemeinhin auch die Autoren)
- Herr Leithold auch so eine gierige Lobby haben wie zum Beispiel Prof. Miriam Meckel; die ist Lebenspartnerin von Anne Will, und solcher Sex sells sogar ein Burnout-Buch auf Platz 10 bei Amazon (mein Neid sei mit ihr!)
- Herr Leithold zu Alias, Porno und Knast stehen wie Michaela Schaffrath und Sibel Kekilli; absolute Konfrontation weist dann denn Weg in die Medien, auf die Preisbühne und die Amazon-Hitliste.
Norbert Leithold ist keine starke Marke, sondern ein schlaffes Märkchen. Da kann „Graf Goertz: Der große Unbekannte“ ein noch so großes Werk sein – es wird unbekannt bleiben, weil sein Autor weder Fisch noch Fleisch ist. Absolute Konfrontation wäre angezeigt gewesen: Natürlich gibt es das Deutschland-Islamisierungs-Werk, natürlich bin ich Porno-Bleisch, natürlich saß ich im Knast. Und das ist gut so! Das gab mir die Kraft und die Reife für den Grafen Goertz! Dann wird eine Story draus, und eine echt gute Story macht die Human Brand Norbert Leithold lebbar und erlebbar, für ein Preiskomitee genauso wie für die Medien und die Buchkäufer.
Die schmutzigen Schmankerl müssen heutzutage einfach größer gefeiert werden: Sehr schön, aber zu spät für den Leipziger Literaturpreis kommt das Welt-Interview mit Norbert Leithold vom 26. Februar. Sehr gut für die Online-Reputation, da nimmt der Fast-Preisträger endlich das Marken-Heft in die Hand.
Es gewinnt nun einmal nicht der beste Autor, sondern der mit der besten Verpackung. Der schafft es dann nicht nur mit „Pornolotl“ ins FAZ-Spezialisten-Feuilleton, sondern zu Amelie Fried und Ijoma Mangold von „Lesen!“ im ZDF und dann auf die Impulstische im gut sortierten Bahnhofsbuchhandel.
Jon Christoph Berndt: Das Marken-Armageddon
11. März 2010 um 2:48 von Jon Christoph Berndt
Gestern in der Süddeutschen Zeitung, Printausgabe (so was gibt es noch…): Unter der Überschrift „Axolotls Vorgänger“ erlebt Prof. Dr. Claudia Kemfert ihr ganz persönliches Marken-Armageddon: Sie hat geklaut!
Eine ziemlich bekannte und anerkannte Wissenschaftlerin, Expertin für Energie und Klimapolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), hat abgeschrieben; ohne Hinweis auf den Urheber! Und das für einen Artikel über die Privatisierung der Bahn. Ein Viertel des Textes stammt wortwörtlich von wikipedia.de, wo jeder alles schreiben und jeder ungeprüft alles übernehmen kann und das sogar tut (inkl. Tageschau und die BILD sowieso)! Bei sueddeutsche.de ist der Marken-GAU hier nachzulesen.
Die Headline des Artikels bezieht sich auf die frisch gehypte Junior-Super-Human-Brand Helene Hegemann und ihren frisch gehypten Junior-Super-Debut-Roman „Axolotl Roadkill“. Für den hat sie abgeschrieben, was das Zeug hält, und ist laut spiegel.de „eher so regiemäßig drangegangen”. Ok, das Mädel ist 18, ein bisschen schnell ein bisschen hoch geflogen, der Sonne zu nah gekommen, und da wird es halt warm. Außerdem gibt sie entwaffnend alles zu, mit großem Augenaufschlag; wer wird ihr da schön böse sein wollen oder sogar können?
Bei Frau Prof. Kemfert, die sich oft und gern medial inszeniert und präsentiert, ist das etwas anderes: In ihrer senioren Position müssen wir erwarten dürfen, dass sie vor und hinter ihrem Institut und vor allem vor und hinter ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steht. Da reicht es eben nicht, wenn sie zwar den Sachverhalt zugibt, jedoch abwinkt, dass hier „die wissenschaftliche Basis für meinen Bericht auf einer Recherche eines Mitarbeiters“ beruht (Felix Berth, „Axolotls Vorgänger“, Süddeutsche Zeitung, 10.03.10). Im Gegenteil: Das ist sogar kontraproduktiv. Wer lange genug im Geschäft ist und sich dafür exponiert, muss nun mal mit heißem Gegenwind rechnen da oben an der Sonne; das ist völlig normal und richtig so. Normal und richtig so ist es aber nicht, wenn die Chefin alles auf den unbedarften Praktikanten aus Tonga Tabu schiebt, der schon lange wieder daheim ist und von dem eh keiner wissen will, ob er jemals mehr Substanzielles als die Wikipedia-Recherche zur Privatisierung der Bahn hinterlassen hat.
Die Süddeutsche kommt zu dem Schluss, dass das Vorgehen von Frau Prof. Kemfert „unsauber“ ist. Und das nicht nur, weil in den forschungsethischen Prinzipien des DIW die „unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorenschaft„ als „wissenschaftliches Fehlverhalten“ (Felix Berth, ebd) gilt.
Prof. Dr. Claudia Kemfert hält viel beachtete Keynote-Vorträge, auch in einer gemeinsamen Vortragsreihe mit mir und weiteren Speakern bei „Unternehmen Erfolg“ und Focus. Dort heißt ihr Thema „Die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes“. Damit ihre Human Brand und damit ihre Themen und Inhalte glaubwürdig bleiben, wünsche ich mir, dass sie zu den Plagiatsvorwürfen proaktiv und substanziell Stellung bezieht. Auf ihrer Website findet sich bis eben – außer ziemlich guter Eigen-PR, die idealtypisch auf die Marke Claudia Kemfert einzahlt – gar nichts. Das ist nicht zur zuwenig, sondern birgt vor allem die Gefahr, dass sich das Thema medial verselbständigt und Frau Kemfert die Chance verpasst und nicht mehr bekommt, selbst Herrin der Lage zur sein und den Diskurs zu steuern. Eine Human Brand ist jahrelang aufgebaut und sekundenschnell zerstört.







