„Social Media 2011” – Experten geben einen Ausblick auf kommende Entwicklungen.
18. März 2011 um 9:58 von Mario Grobholz
Vergangene Woche haben wir Carlo Bewersdorf von Asstel um seine Meinung zu Social Media in der Finanzdienstleistungsbranche befragt. Heute kommt mit Boris Janek, Manager Digitales Marketing bei der VR NetWorld GmbH und Betreiber des Finance 2.0-Blogs, ein weiterer Branchen-Experte mit seiner persönlichen Meinung zu Wort:
Hallo Herr Janek, welchen Stellenwert hat Social Media bei der VR NetWorld GmbH? In welchen Unternehmensbereichen zahlt sich Social Media Ihrer Ansicht nach am besten aus?
Für die VR NetWorld GmbH als Internetdienstleister ist Social Media zu einen Geschäftsfeld geworden, in dem wir Angebote für unsere Kunden bereitstellen. Wir betrachten Social Media dabei als die aktuell höchste Evolutionsstufe des Internets, die neue Herausforderungen und Chancen für unsere Kunden bietet. Ich persönlich verstehe Social Media jedoch nicht als Marketing-Instrument, sondern als gänzlich neue Form unternehmerischen und letztlich auch menschlichen Handelns.
Wir setzen Social Media einerseits intern als Kommunikations- und Kollaborations-Tool ein. Darüber hinaus betreiben wir einige Social Media-Kanäle für die genossenschaftliche FinanzGruppe. Außerdem versuchen wir mithilfe einiger Instrumente, uns besser mit unseren Kunden auszutauschen und diese aktiver einzubinden.
Wie reagieren Kunden, Shareholder, Mitarbeiter und Geschäftspartner auf Ihre Social Media-Aktivitäten?
Wir erleben eine durchweg positive Wahrnehmung. Die Nutzung von Social Media beruht bei uns auf Freiwilligkeit. Man muss diese Kanäle also nicht nutzen. Kunden versuchen uns natürlich in erster Linie über die klassischen Kanäle zu erreichen. Wenn ein Kunde jedoch hierfür einen Social Media-Kanal wählt, dann sind wir da und antworten.
Wie gehen Sie mit den gewachsenen Einflussmöglichkeiten der Social Web-Nutzer um bzw. wie nutzen Sie das direkte Feedback von Kollegen und Kunden?
Wir sind im B2B-Geschäft tätig und haben dadurch eine sehr enge Bindung zu unseren Kunden. Nähe, Austausch und Kommunikation sind für uns schon immer extrem wichtig gewesen. Social Media macht hier einige Dinge einfach nur leichter und vielleicht effizienter. Insofern gibt es da bei uns keine Berührungsängste. Wir waren und sind immer offen für Kritik und Veränderungsvorschläge. Ohne diese Nähe zu unseren Kunden wären wir gar nicht in der Lage, ein auf ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Produkt zu entwickeln. Deshalb sehen wir verstärkte Einflussmöglichkeiten positiv und als Möglichkeit, uns weiter zu verbessern.
Welche Trends bzw. kommunikativen Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf Social Media in den nächsten fünf Jahren auf die Finanzdienstleistungsbranche zukommen? Wie wird sich insbesondere das Banking insgesamt verändern?
Ich betone an dieser Stelle, dass es sich hier um meine persönliche Meinung handelt. Social Media wird bedeutender, aber gleichzeitig auch natürlicher werden. Wir werden lernen, mit dieser neuen Dimension des Internets umzugehen. Das soziale Internet wird ein normaler Bestandteils unseres Lebens werden. Das gilt auch für den Durchschnittsbürger. Rechtliche Regelungen werden sich entweder an die Verhältnisse anpassen oder es wird an der einen oder anderen Stelle auch Einschränkungen durch die Gesetzgebung geben. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden aber auch überkommene Regelungen wie GEMA, GEZ oder das Leistungsschutzrecht (das es ja noch gar nicht gibt) stark an die Bedürfnisse der Internetökonomie angepasst werden. Menschen werden auch bereit sein, im sozialen Internet einzukaufen. Es werden neue Werbeformen entstehen, bei denen der Bedarf des Verbrauchers im Mittelpunkt steht. Mittelfristig wird es in den Unternehmen zu einer Professionalisierung und strategischen Integration kommen. Mess-Tools werden wichtiger und besser werden. Eine Integration von Webcontrolling und Social Media Monitoring wird erfolgen.
Banken werden sich des Themas zwangsläufig intensiver annehmen. Sie werden sich insgesamt im Bereich Internet professionalisieren. Die Internetmitarbeiter werden zu den wichtigsten Personen innerhalb der Banken gehören, allerdings erfolgt eine multikanale Ausrichtung. Die klassischen Kanäle werden nicht verschwinden, sondern anders genutzt werden. Der Kunde steht im Mittelpunkt. Man wird sich mehr an seinen Bedürfnissen orientieren.
Es werden neue internetgestützte Geschäftsmodelle entstehen. Reine Online- oder auch mobile Banken werden an Bedeutung gewinnen. Die Bankenbranche wird neue Konkurrenten bekommen, teilweise bzw. überwiegend von Nicht-Banken. Technologie-Unternehmen wie Apple, Facebook, Google und so weiter werden neue Maßstäbe setzen. Immer mehr Menschen werden Finanzprodukte auch von Nicht-Banken kaufen und sich von den Empfehlungen ihres sozialen Netzwerkes leiten lassen. Die Regulierungsauflagen für Banken werden stärker werden. Es wird mehr spezialisierte Banken oder bankähnliche Unternehmen geben, die Nischenmärkte besetzen werden. Social Banking wird an Bedeutung gewinnen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es auch eine große Nachfrage nach automatisiertem und unsichtbarem Banking geben wird, da sich viele Menschen nicht mit Finanzfragen beschäftigen möchten. Diese Menschen werden auf einfache, nicht erklärungsbedürftige oder beratungsintensive Lösungen setzen, die über einen nach bestimmten Regeln funktionierenden Konfigurator in Form eines Echtzeit-Tools (eventuell eine mobile Anwendung) einmal gekauft und flexibel angepasst werden. Selbst das Girokonto wird flexibel transformierbar sein und innerhalb kürzester Zeit mit allen vorhandenen Verbindungen von Bank A nach B geschoben werden können. Virtuelle Währungen sind auch nicht zu unterschätzen.
Natürlich erhöht Social Media die Anforderungen an die Produktqualität der Unternehmen. Banken müssen zum integrierten Teil der Online Communities werden. Wenn eine Bank ein Mensch wäre, dann müsste man mit ihr einen Kaffee oder ein Bier trinken wollen. In dem Moment wäre sie sozial integriert.
Planen Sie kurz-, mittel- oder langfristig, Ihre Social Media-Aktivitäten auszubauen? Wenn ja, wie?
Das Thema Social Media wird weiter an Bedeutung gewinnen. Wir betrachten das Thema ganzheitlich, also immer im Rahmen der Gesamtstrategie. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich hier keine konkreten Aussagen tätigen kann.
Herzlichen Dank, Herr Janek, für Ihre Meinung.

Boris Janek ist Manager Digitales Marketing bei der VR NetWorld GmbH. Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit stehen strategische Innovationsprojekte im Internet, insbesondere im Online Marketing-Umfeld. Innerhalb des genossenschaftlichen Finanzverbundes gibt er außerdem Workshops und Fachvorträge zu Themen wie beispielsweise strategischem Online Marketing, Performance Marketing, Social Media Marketing, Social Banking und Finance 2.0. Neben der Tätigkeit bei der VR NetWorld GmbH betreibt Boris Janek seit 2007 den Social Media und Finance 2.0-Blog.
„Social Media 2011“ – weitere Interviews:
- Carlo Bewersdorf, Asstel
- Johannes Marcus Schäfer, nexum AG
- Tobias Hurrle, Lingner Consulting New Media
- Ulf Kossol, T-Systems MMS
- Johannes Lenz, Grey Germany
- Veit Mathauer, Sympra
- Jan Manz, wbpr
Dieser Artikel wurde von Mario Grobholz geschrieben.Mario Grobholz ist Gründer und Ideengeber der myON-ID Media GmbH. Der Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur entwickelte in den letzten 10 Jahren für führende Internet, Telekommunikations- und Medienunternehmen Internetstrategien und -konzepte. Seit 1999 plant und betreibt er erfolgreich Consumer-Portale und Social Networks u.a. bei WEB.DE, o2 und Eurosport.
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