Jon Christoph Berndt®: Weißer Rabe Grigory Perelman
1. April 2010 um 9:40 von Jon Christoph Berndt
Beim Blättern im Blätterwald fand ich dieser Tage eine ganz besonders schöne Geschichte: Da knackt ein russischer Mathematiker eine harte Nuss, an der sich seine Mathematikerkollegen auf der ganzen Welt hundert Jahre lang die Zähne ausgebissen haben. Und dann – verzichtet er auf Ruhm, Ehre, Preise und eine Million Dollar.
Besser noch: Lieber lebt Grigori Jakowlewitsch Perelman zurückgezogen bei seiner Mutter in einer kleinen Datscha am Rande von Sankt Petersburg und spielt den ganzen Tag Tischtennis gegen sich selbst. Das Schönste: Die Geschichte ist wahr. „Ziemlich verrückt, aber auch ziemlich sympathisch“, sagt die Knallpresse.
Da wird jemand berühmt, weil er nicht berühmt werden will. Und das will er nicht aus Kalkül nicht, sondern weil er halt so ist; in der Wolle gefärbt echt, ohne Lust darauf sich zu verbiegen oder gar verbiegen zu lassen: Ihr könnt mich mal kreuzweise! Behaltet Eure Preise, Euer Geld, Euren Rummel, und lasst mich in Ruhe Tischtennis spielen gegen mich selbst!
2006, vier Jahre nach Perelmans Lösung des Problems um die so genannte Poincaré-Vermutung (ich hatte Mathe Leistung und verstehe nur Bahnhof; mehr dazu jedoch gern hier), sollte ihm auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress in Madrid die Fields-Medaille, sie gilt als Nobel-Preis der Mathematik, verliehen werden. Perelman tauchte aber erst gar nicht auf. Damit stieß er nicht nur die gesamte mathematische Elite, sondern auch den Medaillenverleiher König Juan Carlos, vor den Kopf. Auch wurscht, sagte er sich. Auf die mehrfach ausgesprochene Einladung hatte er nicht mal geantwortet. Dem „New Yorker“ sagte Perelman dazu: „Wenn sich zeigt, dass die Beweisführung stimmt, brauche ich keine weitere Anerkennung. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich die Auszeichnung ablehnen werde. Die Medaille ist für mich völlig unbedeutend.“ (Quelle und mehr dazu: Spiegel)
Nun steckt hinter dieser starken konsequenten Haltung vermutlich nicht nur himmelhoch Jauchzendes, sondern auch ordentlich Betrübtes. Wo Markenlicht ist, ist auch Markenschatten. So liest man davon, dass Poincaré-Löser Perelman schon in grauer Vorzeit an der University of California in Berkeley sowohl durch seine Schlauheit als auch durch seine Ablehnung von Materiellem als „Weißer Rabe“ auffiel. Das ist Russisch und bedeutet so etwas wie „Schwarzes Schaf“ wobei diese Bezeichnung genauso gut wertschätzend positiv wie abschätzig negativ gemeint sein kann.
Was meinen Sie: Ist Perelmans Erscheinung und Wahrnehmung als Weißer Rabe im Sinne der profilierten Human Brand positiv oder negativ? Etwas pointierter als Radio Eriwan’s Standardantwort „Kommt darauf an“ ist zu sagen:
- zur Erscheinung: Nun ja, der Mann sieht aus, als möchte man ihm mal fünf Mark schenken. Doch, wird er sagen, wen schert’s? Ich mach’ mich für mein Tischtennisspiel gegen mich selbst so zurecht, wie es mir beliebt! Recht hat er, der Herr Perelman. Auf die roten Teppiche und die Bühnen des Lebens will er ja nicht drauf. Und seine Mama wird ihn lieb haben wie er ist und aussieht.
- zur Wahrnehmung: irgendwie cool und begehrlich, finde ich. Und nicht so nahbar und damit belanglos wie die Boris Beckers dieser Welt. Da schreibt denn auch Blogger-Kollege Perez Hilton, weltweit ziemlich vernetzt und einflussreich, was A-, B- und C-Promis angeht: “This guy is so AWESOMELY insane!! We LOVE it!!”
Wie auch immer wir alle es sehen: Unstrittig ist, dass Grigory Perelman echt profiliert ist. Wichtiger noch: Er ruht in sich selbst und muss sich nichts beweisen. Das sind die besten Voraussetzungen für eine profilierte Wahrnehmung. Diese im gesellschaftlichen Leben, als Exot, als – wie ich finde, positiv so bezeichneter – Weißer Rabe, den man doch irgendwie ganz anziehend findet. Diese auch im Internet-Leben, wo selbst die Online-Reputation-Profis genau wie wir Leute von der Human-Branding-Front gar nicht mehr viel außer dem ausrichten können, was Herr Perelman schon ganz nebenbei und ungeplant für seine markenstarke Wahrnehmung getan hat.
Er wollte nie eine starke Marke sein. Nun ist er eine. Wahrlich genial.
Stay tuned!
Dieser Artikel wurde von Jon Christoph Berndt geschrieben.Der Markenexperte und Managementtrainer Jon Christoph Berndt, geb. 1969, ist Inhaber der brandamazing: Unternehmensberatung für Markenkommunikation in München. Der Erfinder von Human Branding schreibt die Kolumne "Mensch, Marke!" im Handelsblatt und ist Mitglied des Vorstands der German Speakers Association (GSA).
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[...] attracts all “cockroaches” and “rats” when they see and hear about Grigori Perelman: “He would never like to be a top brand. But now he is the one. Simply brilliant.” (my translation from [...]
[...] http://blog.myonid.de/2010/04/jon-christoph-berndt-weiser-rabe-grigory-perelman/ [...]







