Jon Christoph Berndt®: Arthur Rimbaud – 140 Jahre Mysterium mit Pull-Effekt par excellence
22. April 2010 um 10:03 von Jon Christoph Berndt
Schön ist es immer, wenn es etwas geheimnisumrankt zugeht. Und wenn hinter dem Geheimnis und den Ranken Geschichten stecken, in die wir uns alle gern hinein träumen. Heute die von Arthur Rimbaud, französischer Schriftsteller von Weltgeltung – “Une Saison en Enfer” (“Eine Zeit in der Hölle“), “Iluminations” – mit 21 Jahren fertig mit der Karriere, keine rechte Lust mehr. Einem Ondit zufolge handelte er dann lieber mit Kaffee, Gewürzen, Gold, Elfenbein, vor allem in Afrika. Über die letzten 16 Lebensjahre des größten Genies der Literatur im 19. Jahrhundert wissen wir so gut wie nichts. Nur zum Beispiel so etwas, dass er wohl homophile Neigungen hatte, die er zu Zeiten des Aufstands in der Pariser Kommune 1871 mit dem Dichter Paul Verlaine auch auslebte. Die beiden experimentierten häufig mit Absinth, und im Rausch schoss Verlaine ihm in die Hand und ging für zwei Jahre ins Gefängnis. Quelles Histoires!
Nun erfahren wir, dass ein bisher unbekanntes Foto von Arthur Rimbaud aufgetaucht ist. Wow! Ein bisher unbekanntes Foto von Arthur Rimbaud! Bob Dylan, Patti Smith, Jim Morrison, Klaus Mann, all die Surrealisten und die ganzen Beat-Poeten werden wieder ganz schön aus dem Häuschen sein (so sie es noch können). Die hat er nämlich alle ungemein beeinflusst. Das Foto zeigt sieben Männer vor dem “Hôtel de l’Univers” in Aden, in dem Rimbaud bei seinen Aufenthalten im Jemen immer abstieg. Und, unstrittig, der Zweite von rechts, auf den Tisch gestützt und mit leicht geöffnetem Mund die Kamera fixierend, ist der, von dem der österreichische Superautor Thomas Bernhard sagt, seine Literatur sei „eine einzige, freilich weltweite, geschichtlich freie, ungebundene, unverfeinerte, im Schmutz und in den zerrissenen Schuhen triumphierende Religion“ gewesen. Dazu ist es noch das, weiß die Berliner Morgenpost, „einzige bekannte Erwachsenenbild, auf den sein Gesicht gut zu erkennen ist“. Welch ein schöner Fund vom Flohmarkt.
Was ist daran nun so sensationell? Also: Von Arthur Rimbaud sind nur eine Handvoll Aufnahmen bekannt, die meisten aus dem Jugendalter und die restlichen in mieser Qualität. Und dass die neu entdeckte wieder Unsummen gebracht haben wird, zeigt der Fall von einem ähnlichen Fund aus dem Jahr 2007, den sich das Musée Rimbaud in Charleville-Mézières für 75.000 Euro gesichert hatte. Nun ging das neue Stück auf dem Salon du Livre Ancien, de l’Estampe et du Dessin im Pariser Grand Palais nach wenigen Minuten an einen französischen Sammler weg. Preis: Psst!
Rimbaud kehrte nur nach Frankreich zurück, um zu sterben. Er wurde 37 Jahre alt und liegt auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Charleville. (Schauen Sie mal ins Museum, falls Sie in die französischen Ardennen kommen.) In seiner kurzen Zeit macht er intuitiv alles richtig: Er schafft wahres, schönes, gutes; macht sich rar, wird vermisst. Das sorgt für einen starken Sog, für den so schwer so schaffenden Pull-Effekt: Bis heute wollen die Fans und die Medien immer mehr als sie von Rimbaud bekommen können. (Dagegen vielfach genau das Gegenteil: Die Stars und Sternchen geben den Fans und den Medien immer mehr als sie hören und drucken können.) Generationen von Literaturwissenschaftlern haben versucht, Licht in die letzten Lebensjahre zu bringen, und die Faszination für den Ausnahmeliteraten ist bis heute nicht abgerissen. Mit seinen wenigen Werken hat Rimbaud es geschafft, ganze Generationen zu beeinflussen. Mit unbedingter Hingabe zum Werk hat sein Leben turbulent begonnen, mit konsequent-radikaler Abkehr von der Lyrik ging es weiter, und so endete es schließlich in den Armen seiner Schwester, „um einen schönen Tod zu sterben“.
Arthur Rimbaud zeichnet sich nicht nur durch seine Genialität, sondern eben auch durch sein Menschsein aus. Höhen und Tiefen, Krieg und Frieden und eine große Liebe profilieren ihn. Dass das aufgetauchte Foto als Sensation gehandelt wird, zeugt von der Sehnsucht der Moderne nach außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Rimbaud schürt diese Sehnsucht mit seinem ungewöhnlichen Talent, seiner Schaffenskraft und nicht zuletzt einer rätselhaften Vita. Eine Human Brand, wie man sie besser nicht erschaffen kann; weder am Flipchart noch mit Online Reputation. (Nur: Die dafür nötigen intuitiven Qualitäten muss eine wahre Persönlichkeit erst einmal ganz von sich allein mitbringen…)
Human Branding Lesson Learned #1: Mach’ Dich rar. Und wenn Du auftauchst, habe bitte etwas im Gepäck, das uns alle wirklich interessiert!
Stay tuned!
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Dieser Artikel wurde von Jon Christoph Berndt geschrieben.Der Markenexperte und Managementtrainer Jon Christoph Berndt, geb. 1969, ist Inhaber der brandamazing: Unternehmensberatung für Markenkommunikation in München. Der Erfinder von Human Branding schreibt die Kolumne "Mensch, Marke!" im Handelsblatt und ist Mitglied des Vorstands der German Speakers Association (GSA).
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