Jon Christoph Berndt: Prof. Claudia Kemfert und ihre wehrhafte Marke
23. März 2010 um 10:37 von Jon Christoph Berndt
Hut ab! Da sieht man mal, wohin wahre Markenstärke führt: DIW-Klimaexpertin Prof. Claudia Kemfert zwingt die Süddeutsche Zeitung in die Knie.
Die Süddeutsche Zeitung hatte Prof. Kemfert, die ziemlich bekannte Expertin für Energie und Klimapolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vorvergangene Woche so richtig schön vorgeführt, mehrspaltig und mit Vierfarb-Porträtfoto im Wirtschaftsteil: Sie habe sich für einen Artikel ihres Instituts bei Wikipedia bedient und, nachdem alles raus gekommen war, sich dahin gerettet, dass „die wissenschaftliche Basis für meinen Bericht auf einer Recherche eines Mitarbeiters“ beruhe. Das ginge ja nun gar nicht, meinte die Süddeutsche, und wo kämen wir denn hin, wenn nun sogar die Wissenschaft bei Wikipedia klaue… (siehe meinen Blog-Beitrag vom 11. März )
Alles schien klar: Die besenreine Süddeutsche Zeitung hat eine prima investigative Geschichte und in ihrem Autor Felix Berth ein richtiges Enthüllungsjournalistchen, dessen Artikel unter der Überschrift „Axolotls Vorgänger“ für ordentlich Thermik im Blätterwald sorgt. Und Prof. Kemfert hat einfach nur geklaut; der mediale GAU für eine anerkannte, bis dato als überaus seriös geltende Wissenschaftlerin.
Nun aber hat die Süddeutsche Zeitung nach Auskunft von Prof. Kemfert eine Unterlassungserklärung unterzeichnet. Zeichen dafür ist, dass der fragliche Online-Artikel mittlerweile aus dem Netz verschwunden ist. Was ist geschehen? So simpel wie ertstaunlich: Der fragliche Artikel war vom DIW niemals veröffentlich worden. Eine echte Null-News also, die ich mir von meiner Immer-noch-Lieblings-Tageszeitung nicht erwarten würde. Passiert es einmal doch, würde ich mir erwarten:
- Proaktive Richtigstellung bzw. Korrektur
- Entschuldigung bei der Geschmähten
- Verbesserung der Schutzmechanismen auch in schwierigen Zeiten mit dünner Personaldecke, damit die Pressefreiheit wieder als dienende Freiheit gebraucht und so schnell nicht wieder als In-die-Pfanne-hau-Freiheit missbraucht wird.
Prof. Kemfert ist aus Markenperspektive idealtypisch vorgegangen: sachlich, kalkuliert, stringent, offensiv; als Beispiel schlechthin für den professionellen und gleichzeitig effektiven Umgang mit Gegenwind, dem sich prominente Persönlichkeiten nun einmal immer wieder ausgesetzt sehen. Das wissen sie auch, es ist der Preis der Prominenz. Entscheidend ist nicht dieser Gegenwind, sondern Reaktion und Aktion daraufhin. Und den Kemfertschen Umgang damit beschreibt die FAZ sehr schön in ihrem Beitrag „Die Frau fürs richtige Klima“.
Von der Süddeutschen liest man bisher nicht mehr als „Error 404“ wenn man den Link zum fraglichen Online-Artikel anklickt. Und von Prof. Kemfert liest man wieder Inhaltlich-Sachliches und Markenadäquates, auch im Interview im neuen M-Direkt, dem Magazin der Stadtwerke München, unter der Überschrift „Klimaschutz ist der Weg aus der Krise”.
Also: Die Siegerin steht fest. Back to Tagesordnung.
Dieser Artikel wurde von Jon Christoph Berndt geschrieben.Der Markenexperte und Managementtrainer Jon Christoph Berndt, geb. 1969, ist Inhaber der brandamazing: Unternehmensberatung für Markenkommunikation in München. Der Erfinder von Human Branding schreibt die Kolumne "Mensch, Marke!" im Handelsblatt und ist Mitglied des Vorstands der German Speakers Association (GSA).
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Lieber Herr Berndt, vielleicht sollten Sie Ihre Lieblings-Tageszeitung etwas genauer lesen.
Die SZ hatte sehr wohl darauf hingewiesen, daß der besagte Artikel letztlich NICHT veröffentlicht wurde – dank der “Qualitätskontrollen” des DIW (und zum Glück für Frau Kemfert).
Eine Peinlichkeit mehr klebt an dieser Marke “Kemfert” – dagegen können auch noch so viele Gegendarstellungen nichts mehr ausrichten.
Liebe Frau bzw. lieber Herr Beyer,
nichts anderes habe ich gesagt oder geschrieben: Die Tatsache, dass der fragliche DIW-Artikel letztlich nicht veröffentlicht wurde, macht umso deutlicher, dass es der SZ um Krawall um des Krawalls Willen ging. Und so etwas kommt heutzutage immer raus.
Bei Frau Prof. Kemfert hatte ich im Blog-Beitrag vom 11. März lediglich ihren anfänglichen Umgang mit den Vorwürfen kritisiert, soweit mir dieser aus dem SZ-Artikel bekannt war. Dabei war und ist es unerheblich, ob der DIW-Artikel veröffentlicht wurde oder nicht. Und diese Kritik habe ich angesichts des Fortgangs der Angelegenheit – wie Sie oben lesen – gern geändert.
Ich bleibe dabei: UNterm Strich ist Frau Prof. Kemfert aus dem Skandälchen markenprofilierter denn je hervor gegangen. Die “Peinlichkeit” klebt allein an der SZ. Hier weiß der mündige und kritische Leser sehr wohl zu differenzieren.
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