Fremdwahrnehmung gescheitert
21. September 2007 um 22:16 von Mario Grobholz
„Fremde Fehler beurteilen wir als Staatsanwälte, die eigenen als Verteidiger.“ So lautet ein spanisches Sprichwort. Das bringt ein grundsätzliches Wahrnehmungsproblem auf den Punkt: Denn im Allgemeinen neigen wir dazu, andere Menschen für Fehler verantwortlich zu machen und den Einfluss einer Situation hierbei völlig zu unterschätzen.
Diese Form der Wahrnehmungsverzerrung begegnet uns in vielen zwischenmenschlichen Situationen. Und so auch immer wieder im digitalen Raum: Chats, Foren und andere Kommunikationskanäle dienen in erster Linie dem Austausch zwischen Menschen. Dabei neigen die Leser dazu, die Textbeiträge immer auf die Persönlichkeit zurückzuführen, statt die jeweilige Situation, in der ein Artikel entsteht, zu berücksichtigen. Dieser Eindruck wird noch durch die Personalisierung in Blogs verschärft. Das Abbild der Person weist schließlich sehr deutlich daraufhin, wer die Verantwortung für einen Text trägt.
Durch eine Vielzahl von Blog-Veröffentlichungen entsteht ein Bild von einer Person, das eigentlich wenig mit der Wirklichkeit gemein hat und nur wenig über die Identität eines Menschen aussagt. Es zeigt nur Facetten einer Persönlichkeit und ist immer der konkreten Situation geschuldet. Es wird bei der Lektüre dennoch völlig vernachlässigt, dass jemand morgens bei schlechter Laune einen anderen Text verfasst als nachmittags nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss oder abends nach einem Glas Rotwein. Die (emotionalen) Umstände sind immer entscheidend. Aus diesem Grunde sollte jeder Blogger seine Texte mehrmals durchlesen, bevor er sie aus einer (schlechten) Laune heraus einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Selbiges gilt für Blogkommentare.
Es lässt sich hierbei einfach nicht vermeiden, dass ein anonymer Leser von einem wütend anmutenden Kommentar auf eine irritierende Persönlichkeit des Autors schließt und dessen Reputation in Frage stellt. Aber kann man nach der Lektüre einer Medienkritik, einem Artikel über das geekige Iphone oder einer unangenehmen Bahnfahrt überhaupt auf den Verfasser schließen? Oder sollten wir nicht lieber mit unseren Vorverurteilungen warten und dem Autor lieber mildernde Umstände gewähren, bis wir ihn wirklich näher kennen?
>> Psychologieblog: Wer hat Schuld
Klaus Eck, PR Blogger
Dieser Artikel wurde von Mario Grobholz geschrieben.Mario Grobholz ist Gründer und Ideengeber der myON-ID Media GmbH. Der Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur entwickelte in den letzten 10 Jahren für führende Internet, Telekommunikations- und Medienunternehmen Internetstrategien und -konzepte. Seit 1999 plant und betreibt er erfolgreich Consumer-Portale und Social Networks u.a. bei WEB.DE, o2 und Eurosport.
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Schuld hat der, der schreibt. Er hätte es auch sein lassen können
Ist mir schon genau so gegangen wie beschrieben, hab mich sogar für “Wut-Emails” geschämt. Peinlich, wenn aus einer heftigen Erregung heraus Texte entstehen, die morgens als nicht von eigener Hand geschrieben geoutet werden..
In der Regel laß ich mir 1-2 Tage bei größeren Sachen, meist kommt dann der Feinschliff noch und hier Wort hin und eines dort weg.
Und ganz schlimm ist es, wenn der eigene Name selbst verunstaltet wird. Sorry!
Ist nicht ein Teil des von Dir beschriebenen Problems auch dem Medium bzw. den gewählten Kanälen selbst geschuldet? Kommentare in Blogs entstehen ja meist direkt nach dem Lesen und weniger in einem Zeitfenster von 48 Stunden.
Zumindest kenne ich das im absoult überwiegenden Teil der Fälle so, dass ich entweder direkt oder gar nicht kommentiere.
Schnelligkeit der Kommunikation ist ja durchaus ein elementarer Teil der Kanäle die Du eingangs erwähnst.
Sehr schön finde ich den Gedankengang, dass der Leser bei seinem Urteil unter der irrigen Annahme steht, er habe alle relevanten Faktoren erfasst, in Wahrheit aber wichtige Dinge im Zweifelsfall nicht weiss.
@ Andre Wegner Es liegt sicherlich an der Verschriftlichung der Kommunikation. Wir schreiben jeden Tag bedenkenlos zahlreiche E-Mails, twittern vielleicht, kommentieren in anderen Blogs und skypen zudem. Hierbei verliert man schnell den Überblick und die Gefahr aus den Augen, dass man manchmal mit einer Emotion zuschlägt, die gar nicht berechtigt ist. Dadurch entstehen Flame Wars, die gar nicht nötig sind. Manchmal ist es sehr viel besser, via Telefon oder persönlich zu kommunizieren, weil in der synchronen Kommunikation sich Fehler schneller und besser ausgleichen lassen. Eine Entschleunigung der Kommunikation tut uns sicher allen gut.
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[...] Wort des Jahres 2002. Eine Online-Identität setzt sich aus der eigenen und fremden Wahrnehmung zusammen. Die Überprüfung dieser geschieht meist durch Ego-Surfing, also durch googlen des [...]







